Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!
Am vergangenen Wochenende besuchte Papst Franziskus das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Er tat dies bewusst, nicht nur als interessierter Reisender, sondern als Oberhaupt der katholischen Kirche. Denn die Mörder und Helfershelfer die dieses Lager betrieben, taten dies nicht nur als Menschen, die von der NS-Ideologie verblendet waren. Viele von ihnen waren Christen. Und sie glaubten, jüdische Menschen zu töten, sei ein Werk, das Gott gefiele.

Noch heute gibt es gerade in Polen einen starken christlichen Antijudaismus. D.h. Jüdische Menschen werden ausgegrenzt und beleidigt. Sie müssen sich anhören, sie hätten Jesus ans Kreuz gebracht. Sie seien Gottesmörder. Auch bei uns gibt es leider Christinnen und Christen, die eine solche Position vertreten. Etliche Denkschriften sind verfasst worden, um diesem Irrweg Einhalt zu gebieten und ein mitmenschliches respektvolles Miteinander von Juden und Christen heute zu fördern. Wir sind ein weltoffener Staat, der all seinen Bürgern Religionsfreiheit garantiert. Ganz klar! Das Verhältnis von Judentum und Christentum ist dabei ein besonders emotionales Verhältnis.

Zwei starke Emotionen will ich nennen:
Für mich ist es seit Kindheitstagen unbegreiflich, wie in meinem Land millionenfaches Morden betrieben werden konnte. Und noch verunsichernder war für mich schon als Jugendliche das Wissen, dass so viele Menschen die christliche Grundtugend, das Gebot der Nächstenliebe, in der Zeit der nationalsozialistischen Judenverfolgung vergaßen.
Und: Viele Christen empfinden es als massive Kränkung, dass Jüdinnen und Juden ihren Glauben nicht teilen und Jesus Christus nicht als den Messias anerkennen.
Ein höchst spannungsreiches Verhältnis also. In jedem Jahr wird in den Kirchen am Israelsonntag daran gedacht und die Bibel wird zu dieser Thematik befragt.
Liebe Predigthörerinnen und –hörer! Den Bibelabschnitt, um den es heute geht, haben wir bereits als Epistellesung gehört. Es sind Verse aus dem 9. Kapitel des Römerbriefs des Paulus. Viele Briefe verfasste Paulus. Im Brief an die junge christliche Gemeinde in Rom aber legte er seine Gedanken zu ganz grundlegenden Fragen dar. Hier klärte er auch für sich die großen Fragen des Glaubens.
Was ihn beschäftigte, das war das Verhältnis von Judentum und Christentum. Drei gehaltvolle lange Kapitel, die Kapitel 9-11, widmete er diesem Thema. Und dies war auch für ihn ein höchst emotionales Thema.
Allein schon aus biografischen Gründen brannte es ihm unter den Nägeln. Sein Geburtsname war Saul. Als Jude war er aufgewachsen, hatte eine sehr gute Ausbildung bekommen und war zu einem glühenden Verfolger der Jesus-Bewegung geworden. Doch wir wissen: vor Damaskus vollzog er eine Kehrtwendung. Denn Christus war ihm erschienen und hatte ihm zugerufen: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?!“
Er wurde vom Saulus zum Paulus. Er erkannte, dass das Christentum keine gefährliche Sekte von Spinnern ist, sondern dass es ein Weg ist, den Glauben an den Einen Gott zu leben.
Viele der jüdischen Menschen, denen Jesus begegnete, erkannten in ihm den Messias, den Christus, dessen Kommen Gott schon vor langer Zeit durch die Propheten angekündigt hatte.
Die überwiegende Mehrheit aber begegnete den Jesus-Anhängern mit Skepsis. Denn man kannte das Phänomen: Immer wieder waren charismatische Persönlichkeiten aufgetreten, die von sich behaupteten, sie seien der Messias, der Gesalbte Gottes, der Sohn Davids. Alle erwiesen sich als Wichtigtuer oder als machtbesessene psychisch Kranke. Kein Wunder also, dass die überwiegende Mehrheit zurückhaltend blieb. Sie entschieden ganz bewusst, bei ihrem Glauben zu bleiben.
Ich stelle mir vor, dass in diesen ersten Jahren nach Jesu Kreuz und Auferstehung in vielen Familien und Freundeskreisen lebhaft diskutiert wurde. Juden und Jüdinnen fragten die Jesus-Anhänger in ihrem Umfeld, wie sie denn darauf kämen, dass Jesus der Messias sei. Sie wüssten doch, was die Schriften sagten über den Anbruch der messianischen Zeit: Wenn der Messias kommt, dann würden Wolf und Lamm beieinander wohnen. Schwerter würden zu Pflugscharen werden und die Menschen würden nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
„Sind wir etwa in solchen Zeiten?“ fragten sie. „Na, also! Der Zustand der Welt ist ein Beweis dafür, dass Jesus nicht der Christus sein kann.“
Die Anhängerinnen und Anhänger Jesu hielten dagegen, der Anfang des Reiches Gottes sei da. Und wenn Jesus wiederkommen würde, dann würde das messianische Friedensreich anbrechen.
Doch nur selten geschah es, dass ihre Worte Gehör fanden. Großen Zuspruch aber fanden die Apostel außerhalb des Landes Israel, besonders unter den „Gottesfürchtigen“. Das sind die nicht-jüdischen Menschen, die sich im Umfeld der Synagogen-Gemeinden aufhielten.
An der Person Jesu hatte sich also ein tiefgreifender Konflikt entzündet. Zu einer übereinstimmenden Meinung gelangten Christen und Juden nicht mehr.
Für Paulus war das ein gewaltiges Problem. Hier ging es nicht um irgendwelche Gelehrtenfragen. Hier ging es um Identität. Paulus fühlte sich als Jude. Hier gehörte er hin. Hier waren seine Wurzeln! Der reichen Tradition war er verbunden und die 5 Bücher Mose, die Psalmen und Prophetenworte bewegten ihn.
Aber er war doch ein Jude, der Christ geworden war. Er erachtete eben Jesus als den Messias, als den Sohn Gottes, dessen Tod am Kreuz zur Erlösung aller geschehen war. Diese Botschaft musste doch unter die Menschen! Das Evangelium musste doch verbreitet werden! Warum aber lehnten so viele jüdische Menschen ab, was für ihn doch offensichtlich war.
Zu Anfang des Predigttextes erzählt Paulus , dass er „große Traurigkeit und Schmerzen“ in seinem Herzen habe. Rührt dieser Schmerz daher, dass er nicht ertragen kann, dass jüdische Menschen ablehnten, dass Jesus der Messias ist?
Liebe Gemeinde, auf den ersten Blick erscheint das vorstellbar. Wie geht man aber mit so einem Dissens um? Schon Ihr Kinder und Jugendlichen erlebt auf dem Schulhof Meinungsverschiedenheiten, die zu erbitterten Prügeleien werden. Und wir Erwachsenen hören aus den Nachrichten immer wieder von Machthabern, die mit Waffengewalt, Drohungen oder anderen drakonischen Maßnahmen andere Auffassungen unterbinden wollen. Ich denke an den unglaublichen Führungsstil einiger Staatschefs. Ich denke an die Hassprediger, die dazu aufriefen, einen christlichen Gottesdienst zu stürmen und dem Geistlichen die Kehle durchzuschneiden. Und ich denke an die Populisten in Europa und Nordamerika, die voll blinder Wut sind und mit der Angst der Menschen vereinfachende Politik machen. Sie alle können nicht ertragen, dass neben ihrer Meinung gleichberechtigt eine andere steht. Wo wir auch hinblicken, entdecken wir Konflikte um den rechten Glauben. Doch wir ahnen: in jedem dieser Konflikte geht es vor allem um Eitelkeit und um Macht!
Hass, Verunglimpfung – das ist heute ein naheliegendes Mittel, um mit Andersdenkenden umzugehen. Auch Teile der jungen christlichen Gemeinde damals taten dies und bezeichneten Juden als „verstockt“ und „von Gott verstoßen“.
Was aber tut Paulus!? Natürlich ist er zutiefst überzeugt von seinem Glauben. Als Mensch, der Christus begegnet ist, hat er seine Position. Mit ganzer Seele stellt er sich in den Dienst des Evangeliums.
Er verunglimpft die Juden und Jüdinnen aber nicht. Er wertet sie nicht ab, so wie das in den Konflikten unserer Zeit passiert, so wie das auch von christlichen Gemeinden in der Vergangenheit betrieben wurde. Paulus ruft nicht zur Verfolgung auf. Er betreibt keine Propaganda gegen Juden.
Ganz im Gegenteil: Er sieht die jüdischen Menschen so an, wie Gott uns alle anblickt: Voller Respekt und Liebe. Paulus stellt die Vorzüge der Jüdinnen und Juden heraus, die er als seine Stammverwandten bezeichnet.
Ihnen gehört die Kindschaft (denn als erstgeborener Sohn wird Israel in 2. Mose 4, 22 bezeichnet.)
Ihnen gehört die Herrlichkeit (denn wie in 2. Mose 40, 34 beschrieben, erfüllte Gottes Herrlichkeit ihr Heiligtum.)
Gott hat mit dem Volk Israel einen ewigen Bund geschlossen, wie wir aus dem 1. Buch Mose wissen.
Das Gesetz wurde Mose gegeben.
Und die Gestalt des Gottesdienstes im Tempel wurde dem Volk Israel geboten.
Die Verheißungen von Frieden und einer Zukunft in Gerechtigkeit ruhen auf ihnen.
Sie sind Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Erzväter.
Schließlich sind sie das Volk, aus dem Jesus stammte. Als Sohn der Jüdin Maria kam er zur Welt. Und der Stammbaum Jesu zu Beginn des Matthäus-Evangeliums dokumentiert die tiefe Verwurzelung Jesu in seinem Volk.
Haben Sie mitgezählt? Es sind 8 Vorzüge, die Paulus hier nennt. Ganz große Wertschätzung schwingt hier mit. Ganz viel Sympathie und Achtung.
(Das ist wahrlich ein anderer Umgang mit Andersdenkenden, als was wir zurzeit gewöhnt sind!)
Mit einem „Amen“ beschließt er diesen Gedankengang. Um weiter zu betonen, dass die Volkszugehörigkeit allein noch nicht das Heil ausmacht. Sondern Gottes Freiheit ist es, zu erwählen oder zu übergehen.

Liebe Gemeinde, es mag menschlich sein, partout miteinander ausfechten zu wollen, wer Recht hat. Aber in Fragen des Glaubens ist es unmöglich, die Wahrheitsfrage zu beantworten!
Gottes Wege sind anders, sie bleiben uns verborgen. Sein Handeln bleibt Geheimnis.
Paulus erkennt den Plan Gottes darin, dass die Juden sich nicht mit fliegenden Fahne der Jesus-Bewegung angeschlossen haben. Und dies will er den christlichen Glaubensgeschwistern, die einen deutlichen Hang zur Überheblichkeit haben, vermitteln.
Die Juden bleiben Volk Gottes. Daran ist nichts zu rütteln.
Sie „mussten“ in gewisser Weise in Gegensatz zu uns treten, damit die Botschaft von Jesus Christus ihren Weg gehen konnte. Über die Grenzen des kleinen jüdischen Volkes hinaus zu den Heidenvölkern, nach Kleinasien, Griechenland, Rom und noch weiter.
In unserem christlichen Glauben sollen wir beheimatet sein. Er soll uns das Liebste und Stärkendste sein, was wir besitzen. Aber wenn wir den Glauben mit Gewalt durchsetzen wollen, dann verraten wir Jesus und seine Botschaft.
„Versteht Ihr das?!“ ruft Paulus seinen Mitchristen zu. „Israel musste
sich abwenden, bis die Heidenvölker nun ihrerseits eingegangen sind in die Gotteskindschaft. Das war Gottes Plan. Das dürft Ihr Israel nicht zum Vorwurf machen.

Und hütet Euch vor dem Hass. Denn in ihrer Gegnerschaft zum Evangelium bleiben Jüdinnen und Juden doch Gottes geliebte Kinder.
Weil der Bund, den Gott mit ihnen geschlossen hat, unverbrüchlich ist. Denn Gott ist ein treuer Gott.
Die Jüdinnen und Juden sind Geliebte bei Gott. Auch und gerade weil sie den Glauben an Jesus als dem Messias nicht nachvollziehen.“

Liebe Gemeinde,
für Paulus war das eine sehr persönliche Debatte. Denn er fühlte sich völlig eingebunden in seine jüdische Herkunft. Und auch seinen Mitbrüdern legte er ans Herz: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt Dich!
Und er wusste, was seine Aufgabe war: Das Evangelium hinauszutragen in alle Welt. Und damit das Licht Gottes zu verbreiten unter den nichtjüdischen Völkern.
Dereinst werden die Völker zum Zion wandern, so wie es die Propheten verheißen haben.
Christen und Juden haben also ein gemeinsames Ziel: Die Wegweisung Gottes unter die Völker zu bringen. Das Lob des Einen Gottes auf unserer Erde zu vermehren.

Liebe Gottesdienstbesucherinnen und –besucher! Kehren wir zu unserer Frage zurück: Worin besteht der Schmerz des Paulus?
Wie wir gesehen haben, besteht er nicht in dem Beharren der Jüdinnen und Juden auf ihrem Glauben. Denn Paulus versteht, dass das gar nicht anders sein kann.
Aber dass seine Aufgabe als Botschafter an den nichtjüdischen Völkern nicht gesehen und anerkannt wird, das macht ihm zu schaffen.
Vielleicht würde es ihn trösten, wenn er sähe, was aus seinem Bemühen geworden ist?

Paulus wirkte vor fast 2000 Jahren. Seither ist die Weltgeschichte weitergegangen und auch die Geschichte der Verbreitung der biblischen Botschaft.
Das Judentum ist ja keine missionierende Glaubensrichtung. Es ist allein auf das jüdische Volk beschränkt. Durch das Christentum aber haben viele Grundgedanken und Bereicherungen der biblischen Botschaft eine weite Verbreitung gefunden. Sie sind auch in unserer Zivil-Gesellschaft angekommen:
Die 10 Gebote, die den Menschenrechten Pate standen, die Hochschätzung von Bildung, der Gedanke der Gleichheit aller Menschen, das Bemühen um die Bewahrung der Schöpfung, der wöchentliche freie Tag…
Auch wenn wir z.Zt oft Mühe haben, die Nachrichtensendungen anzuschalten –
Es stimmt nicht, dass die Welt nur schlechter geworden wäre seit Paulus‘ Zeiten.
Über den Umweg des Christentums ist eine ganze Menge an kostbarem biblischem Denken eingewandert in unsere gegenwärtige Kultur. Darin sehe ich eine Bestätigung der geheimnisvollen Wege Gottes.
Mit allen Menschen guten Willens sind wir auf dem Weg. Und da schließe ich die gemäßigten Musliminnen und Muslime ausdrücklich nicht aus.
Wir sind auf dem Weg zu einem menschlicheren, friedlichen Zusammenleben auf unserem Planeten. Auf dem Weg, Gott die Ehre zu geben und nicht falschen Göttern hinterher zu rennen. Gott ist Ursprung allen Lebens, und um der Zukunft der Menschheit auf Erden willen sind wir aufgerufen zusammenzuwirken.

Liebe Gemeinde!
Der Papst besuchte den Ort, der Synonym ist für das Gegenteil diesen Bestrebens. Aber wie wir wissen: das 1000jährige Reich des Hasses und der Überheblichkeit, brach 1945 nach nur 12 Jahren in sich zusammen. Trotz der irrsinnigen Katastrophe schlug die Menschheit ein neues Kapitel auf. Auch dafür steht der Name „Auschwitz“: für Umkehr, für Lernen, für Selbstkritik, für Liebe und Mitgefühl.
Für eine gute Gestaltung der Zukunft aus dem Wissen um die Fehler der Vergangenheit.
Was niemand zu hoffen wagte, geschah: Über den Massengräbern der Konzentrationslager reichten jüdische Menschen jungen christlichen Menschen die Hand.
Um gemeinsam Zukunft zu gestalten, um kraft der Vergebung ein gutes menschliches Zusammenleben wieder wachsen zu lassen. Um dadurch gemeinsam unseren Gott, den Gott des Friedens, der Freiheit und der Liebe, zu bezeugen.

Einer dieser Brückenbauer war der gebürtige Münchner Schalom Ben-Chorin aus Jerusalem, der 1999 hochbetagt starb. Zahlreiche Bücher verfasste er zum christlich-jüdischen Verhältnis, ursprünglich verstand er sich aber als Lyriker. Unzählige Vorträge hielt er auf Kirchentagen, aber auch hier in Lübeck.
Mit ihm und seiner Familie durfte ich viel Zeit verbringen in ihrem Haus in Jerusalem. Der Mandelbaum in seinem Garten wurde Ben-Chorin zu einem Gleichnis dafür, dass der Neubeginn Gottes Wille ist.

Das Haus und der Mandelbaum mussten mittlerweile dem neuen Busbahnhof Platz machen. Aber das Lied vom blühenden Mandelzweig hat seinen Weg gefunden in unser Gesangbuch. Und dieses Lied lassen Sie uns nun gemeinsam singen.
Amen.

Pastorin Bettina Kiesbye

Predigt zum Israel-Sonntag am 07.08.2016, über Röm 9, 1-8+14-16