Die Gnade unseres Bruders Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,

heutzutage wird das Saatkorn mit großen Maschinen und manchmal sogar computergesteuert auf den Acker gebracht. Das war zurzeit von Jesus und Paulus und bis ins letzte Jahrhundert hinein anders. Ein Gemälde von van Gogh zeigt so einen Sämann, der mit Hilfe einer Saatschürze oder einer Saatschüssel das Getreide auf seinem Feld aussät.

Er greift mit der Hand ins Getreide seiner Saatschürze, füllt seine Hand und wirft das Getreide mit einer schwungvollen Bewegung auf den Acker. Nun ist die Hand wieder leer. Er füllt die Hand aus dem Tuch erneut und verteilt das Korn auf die nächste Stelle des Ackers. Hand um Hand verteilt er das Korn auf dem ganzen Feld. Es ist eine besondere Handlung. Denn das Korn ist kostbar. Man kann es kochen und essen oder zu Mehl verarbeiten und Brot daraus backen. Das Korn ist nötig zum Leben. Der Bauer muss sich zur Zeit der Aussaat entscheiden, wieviel er aussäen will. Einen Teil wird er zur Ernährung seiner Familie zurücklassen. Einen Teil vielleicht auch als Sicherheit, falls die Ernte schlecht ausfällt. Es ist eine besondere Zeit, in der der Bauer sät, denn er gibt in diesem Moment das Getreide aus der Hand. Welche Gedanken der Hoffnung mag er haben? Welche Sorgen mögen ihn beschleichen? Macht er die richtige Handbewegung, damit das Getreide für das ganze Feld reicht? Soll er vielleicht doch etwas dünner säen und mehr Korn zu Sicherheit zurückbehalten? Soll er die Hände vielleicht nicht immer so voll nehmen?

Eine Handvoll nehmen und mit einer sicheren Bewegung verteilen. Diese Geste hat etwas Großzügiges und Weitherziges. Und gleichzeitig hat sie etwas Beängstigendes. Denn die Frage drängt sich auf, ob der Rest noch reichen wird.

Der Apostel Paulus nimmt das Bild von der Aussaat und der gesegneten Ernte, um die Solidarität der europäischen Christen in Korinth mit den Christen im Nahen Osten in Jerusalem zu wecken. Er benutzt das Bild vom Brot, weil es um elementare Bedürfnisse der Urgemeinde geht und nicht um Luxusgüter. Paulus wirbt unter den Korinthern um eine große Kollekte für die hungernde judenchristliche Gemeinde auf der anderen Seite des Mittelmeers. Werden sie das Geld in der geschlossenen Hand behalten oder werden sie die Hand öffnen und mit einer sicheren Bewegung die Münzen in die Kollekte geben? Jeder muss das für sich entscheiden. Und wenn er etwas gibt, dann sollte er das auch wirklich gern tun. Sonst ist es vielleicht besser, das Spenden zu lassen.

Wenn wir in unseren Gottesdiensten Kollekten einsammeln, dann erhält die Kirchengemeinde bei fast allen freien, also nicht von der Landeskirche festgelegten, Kollekten von der empfangenden Institution einen Dankesbrief. Der Apostel Paulus argumentiert anders. Die Beschenkten in Jerusalem wissen zwar, dass die Kollekte aus Korinth kommt und sie danken Gott dafür. Sie loben Gott dafür, dass die europäischen Christen so freigebig sind. Es erscheint als selbstverständlich, dass diejenigen, die genug haben, die Armen unterstützen. Die Bibel nennt das schlicht Gerechtigkeit. Wer genug hat, gibt ab und unterstützt die Bedürftigen. Das ist nicht unbedingt etwas Gegenseitiges. Denn das wäre nur ein Tausch oder sogar ein Handel. Die Hand die leer geworden ist, bleibt nicht offen vor dem anderen wie eine offene Frage: was bekomm ich jetzt dafür? Vielleicht hat die Gemeinde in Jerusalem später eine andere Gemeinde unterstützt. Und jene Gemeinde hat auch wieder eine andere Gruppe unterstützt. So entsteht eine Kette. Eine Segenskette. Der Segen bleibt nicht im geschlossenen System von Hin und Her. Er gibt sich weiter. Diejenigen, die mehr als genug haben, unterstützen die Bedürftigen.

Das ist etwas anderes als eine Investition, als deren Ergebnis am Ende immer der eigene Gewinn steht. Menschen investieren in Bildung und Freundschaften, damit etwas dabei für sie herauskommt. Das ist zwar auch eine Art von Aussaat. Nur ist das Ziel dabei keine Gabe oder ein Geschenk, sondern ein Gelingen oder ein Erfolg.

Gerade am Erntedankfest machen wir uns bewusst, dass trotz allen Arbeitseinsatzes und allen Fachwissens die Ernte ein Segen Gottes ist. Gott will uns ernähren und erhalten. Darum lässt er Korn wachsen zur Nahrung und zur Saat. Gott gibt viel mehr als genug. Er ist verschwenderisch. Es ist die Aufgabe der Menschen, seine guten Gaben gerecht zu verteilen.

In einem Gedicht, das zum deutschen Kulturgut gehört, wird solche uneigennützige segensreiche Freigebigkeit wunderschön beschrieben. Manche von Ihnen kennen den Ribbeck zu Ribbeck auswendig und Sie dürfen gerne leise mitsprechen, wenn ich das Gedicht vorlese. Oder vielleicht möchte es jemand aufsagen? Manche weiteren Haltungen und Taten aus der Familie Ribbeck verdienen großen Respekt. Der Alte, von dem da berichtet wird, hat die süßen Birnen nicht zu Likör gebrannt und zu Geld gemacht. Er hatte seine Freude daran, die Birnen aus der Hand zu geben und zu verschenken. Der Dichter Theodor Fontane, der dies Gedicht geschrieben hat, nennt diese Geste „Segen spenden“.

 

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,

ein Birnbaum in seinem Garten stand.

Und kam die goldene Herbsteszeit

und die Birnen leuchteten weit und breit,

da stopfte, wenn’s mittags vom Turme scholl,

der von Ribbeck sich beide Taschen voll.

Und kam in Pantinen ein Junge daher,

so rief er: „Junge, wiste ‘ne Beer?“

Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Deern,

kumm man röver, ick gev di ‘ne Beern.“

So ging es viele Jahre bis lobesam

der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.

Er fühlte sein Ende. ‘s war Herbsteszeit.

Wieder lachten die Birnen weit und breit.

Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.

Legt mir eine Birne mit ins Grab.“

Und drei Tage darauf aus dem Doppeldachhaus,

trugen von Ribbeck sie hinaus.

Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht

sangen „Jesus meine Zuversicht“.

Und die Kinder klagten, das Herze schwer:

„He is dod nu. Wer givt uns nu ‘ne Beer?“

So klagten die Kinder. Das war nicht recht –

ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht.

Der neue freilich, der knausert und spart,

hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.

Der alte, vorahnend schon

und voll Misstrauen gegen den eigenen Sohn,

der wusste genau, was damals er tat,

als um eine Birne ins Grab er bat.

Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus

ein Birnbaumsprössling sprosst heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab.

Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab.

Und in der goldenen Herbsteszeit

leuchtet‘ s wieder weit und breit.

Und kommt ein Jung‘ übern Kirchhof her,

so flüstert’s im Baume: „wiste ‘ne Beer?“

Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: Lütt Deern,

kumm mal röwer, ick gev di ‘ne Beern.“

So spendet Segen noch immer die Hand

des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

 

Und damit Sie, liebe Gemeinde, heute am Erntedankfest nicht mit leeren Händen nach Hause gehen, steht hier ein Korb mit Birnen. Die Kindergottesdienstkinder werden nachher diese Birnen verteilen. Manches braucht Zeit, um nachzureifen. Nach ein paar Tagen werden die Birnen süß und lecker sein. Dann: Guten Appetit.

Amen