Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
wer am vergangenen Sonntag den Gottesdienst besucht hat, dem kommt der heutige Predigttext bekannt vor. Denn schon in meiner Predigt vor einer Woche ging es um die Person des bedeutendsten Apostels, der vom Saulus zum Paulus wurde. Es ist eine sehr eindrucksvolle Geschichte, die da in der Apostelgeschichte im 9. Kapitel über die entscheidende Wende im Leben des Paulus erzählt wird.

Wenn ich mir das Geschehen vor Damaskus vorstelle, dann fühle ich mich an eine Szene aus einem Abenteuerfilm erinnert. Gottes Macht zeigt sich in einem Blitz, der den engagierten Verfolger der Christen niederstreckt. Er wird radikal ausgebremst in seinem Tun, liegt am Boden und ist blind. Das letzte Stück bis nach Damaskus hinein muss er geführt werden. Vollkommen am Ende ist er 3 Tage lang, seelisch und körperlich. Am Tiefpunkt seines Lebens ist er angekommen.
Doch Gott fordert den Jünger Hananias auf, ihm zu helfen. Er soll tun, was der Bedeutung seines Namens entspricht. „Hananias“ heißt „Gott ist gnädig“. Und darum zeigt er Gottes Gnade, indem er Paulus die Hände auflegt, ihm sein Sehvermögen wiedergibt und ihn aufnimmt in die Gemeinde der Christen. Obwohl er doch ihr Verfolger war.
Eine dramatische Geschichte. Und wir wissen auch, wie sie weitergeht: Paulus wird zum eifrigsten Verkünder des Evangeliums. Letztlich durch ihn kam die frohe Botschaft Jesu auch bis zu uns.
Liebe Gottesdienstbesucherinnen und –besucher!
Unter der Überschrift „Heilung“ steht der heutige Sonntag. Ihm ist unser Predigttext zugeordnet, Und auch das Evangelium erzählt von einer Heilung, der Heilung eines Gehörlosen.

Liebe Gemeinde, vielleicht ging es Ihnen ähnlich. Heilungsgeschichten waren für mich als Kind mit die schönsten Bibelgeschichten.
In den letzten Jahren habe ich mich neu mit ihnen beschäftigt. Seit wir in unserer Gemeinde noch bewusster als bisher Inklusion leben, also ein gutes Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen.
Seit ich engeren Kontakt zu Menschen mit Beeinträchtigungen haben, weiß ich, dass Heilungsgeschichten durchaus nicht nur positive Gefühle wecken. Die Gehörlosen-Gemeinde trifft sich regelmäßig bei uns. Einmal im Jahr feiern wir gemeinsam – unterstützt von Gebärdendolmetschern – Gottesdienst. Und gerade in der engen Zusammenarbeit in der Vorbereitung lernen wir einander kennen. Jeder, der mit diesen nicht hörenden Menschen zu tun hat, freut sich an den ganz unterschiedlichen Charakteren. Der Mensch steht im Vordergrund, nicht seine Beeinträchtigung. Und jeder Hörende bewundert die Gebärdensprache, mit der die Gehörlosen sich untereinander verständigen. Sie ist nicht nur ein Hilfsmittel bedauernswerter Menschenkinder. Sie ist eine echte Sprache. Mit Begeisterung lernen unsere Konfirmanden einzelne Begriffe dieser Sprache: … für „Gott“ , … für „immer“ und sie übernehmen die Art des Applauses in Gebärdensprache. Uns ist wichtig zu vermitteln, das Leben als gehörloser Menschen ist eine Art zu leben.
Ihre Sprache ist anders, aber sie ist nicht schlechter als die Unsrige. Mit Hilfe ihrer Sprache können Menschen ohne Hörvermögen ganz ausgezeichnet leben und auch eine Menge leisten. Darum empfinden Menschen ihre Gehörlosigkeit als eine Art bösartiges Geschwür, das unbedingt wegoperiert werden müsste, sondern als einen Teil ihrer Persönlichkeit. Selbstverständlich gibt es ernsthafte Einschränkungen und Gefährdungen, z.B. im Straßenverkehr, aber es ist eine Frage des Respekts! Die ganze Persönlichkeit gilt es wahrzunehmen, nicht nur die Einschränkung, die ein Mensch hat. Insofern sind die Heilungsgeschichten missverstanden, wenn wir sie so verstehen, als wollte Jesus einen Menschen auf eine bestimmte Norm bringen.

Doch die Bibel meint etwas sehr Umfassendes, wenn sie von Heilung spricht. Es geht um weit mehr, als nur um die medizinische Behandlung eines einzelnen Symptoms.

Auch Saulus wird in dem Abschnitt aus der Apostelgeschichte geheilt. Er wird wieder sehend. Noch wichtiger aber ist dies: Auch innerlich wird er geheilt. In diesem Fall: Er wird geheilt von seiner Verbohrtheit im Kampf gegen die Andersdenkenden.

Trifft das auch auf uns zu, das hinter einer Erkrankung eine noch viel größere Störung steht?
Ganz gewiss nicht immer, aber sehr häufig können wir beobachten, dass eine persönliche Lebenskrise, ausgelöst durch einen harten Schicksalsschlag oder einen schweren Verlust begleitet ist von körperlichen Symptomen.
Auch in unsere Umgangssprache sind solche Redewendungen eingewandert: Wir sagen „Ich spürte eine lähmende Angst“, „Ich bin sprachlos!“, „Vor Ärger läuft mir die Galle über“ oder „Es verschlägt mir den Atem!“ Endlos ist die Liste der körperlichen Probleme, die eine schwere Krise begleiten können. So eng hängen Körper und Seele miteinander zusammen.
Auch wer auf einen Burn-out zusteuert, wird einmal ganz plötzlich gestoppt. Dann kann es einem vorkommen, wie wenn vom Himmel her ein Blitz auf einen niedergehen würde und einen Menschen vollständig lähmen würde. Die körperlichen Symptome dann zu behandeln, ist die kleinere Maßnahme – so wie bei dem Apostel. Die innere Entwicklung ist die viel größere Baustelle.
Wenn aufgrund eines Schicksalsschlags das eigene Leben aus den Fugen geraten ist,
wenn ich einen Unfall erlitten habe, oder den Verlust eines lieben Menschen, einen Zusammenbruch aufgrund chronischer Überarbeitung oder wenn ich schuldig geworden bin an einem andern,
dann ist es das Gebot der Stunde, innezuhalten, still zu werden,
die Schnelligkeit der Schritte zu drosseln,
festzustellen, da ist die Erde, die mich trägt
und die Erde dreht sich weiter, auch wenn ich ans Bett gefesselt bin.

Krise – das heißt soviel wie Tiefpunkt, Wendepunkt.
Die Bibel beschreibt immer wieder solche Wendepunkte. Sie ruft auf zur Umkehr. Worte der Bibel machen den Menschen Mut: Verlasst die falschen Wege. Kehrt um! Lasst Euch ein auf den Weg, den Gott Euch zeigt.
Paulus hörte damals eine Stimme vom Himmel, die ihm eine konkrete Handlungsanweisung mitgab: „Steh auf und geh in die Stadt!“
Wir Menschen heute haben heute die Schwierigkeit, dass es lange dauert, bis wir verstehen, was unser zukünftiger Weg ist. Das Einzige, was wir spüren, ist dies. Es ist gut loszulassen, woran ich mich krampfhaft geklammert habe.
Und dann werden mir die Augen geöffnet
Und ich kann – zwar noch nicht den neuen Weg überschauen. Aber ich weiß, wo ich den ersten Schritt hinsetzen kann. Und auf den ersten Schritt folgt ein zweiter. So entsteht ein Weg.
So gelingt es, das Tal der Ausweglosigkeit zu verlassen.
So geschieht das, was die Bibel im umfassenden Sinne mit Heilung meint. Hier geht es weit mehr als nur um das Beheben eines körperlichen Symptoms. Hier ist der ganze Mensch gemeint.
Ja, unsere ganze Welt, denn heil werden, das kann man in der hebräischen Sprache auch so übersetzen: zum Schalom gelangen, zum umfassenden Frieden.

Liebe Gemeinde, in unserer modernen Zeit haben viele den Eindruck, ein Mensch sei eine Maschine, die funktionieren müsse. Und eine Krankheit sei dementsprechend wie die Reparatur eines Autos. Ich werfe ein Antibiotikum ein oder unterziehe mich einer Operation. Um schnell wieder den Motor anwerfen und wie gewohnt weiterfahren zu können.
Die biblische Form von Heilung hat dagegen eigentlich immer mit Richtungsänderung zu tun. Und dies ist selbstverständlich ein langer Weg.
Aber vom ersten Schritt an ist die neue Richtung da. Ich gewinne Hoffnung und eine neue Perspektive. Dies ist entscheidend, sodass die verbleibenden Symptome kaum ins Gewicht fallen!
Und wenn ein Mensch nach einer schweren Lebenskrise die ersten Schritte gegangen ist,
wenn er dann zurückblickt,
dann geschieht es, dass er möglicherweise sagt:
Ich habe mir diesen Schicksalsschlag nicht gewünscht. Aber er hat mir geholfen, mein Leben neu auszurichten. Dafür bin ich dankbar. Auch wenn schmerzlich ist, was mir widerfuhr. Die Krise gehört unauflöslich zu meinem Leben dazu. Gerade die Gebrochenheit macht meine Schönheit aus, meine Persönlichkeit.
Liebe Gemeinde,
eine solche Aussage ist sehr persönlich. Niemand kann sie einem in den Mund legen. Aber wenn uns so etwas widerfährt, dann dürfen wir davon erzählen. Wir dürfen von der Gnade Gottes erzählen, die an uns gewirkt hat. Wir dürfen davon erzählen, dass auch wir erfahren haben, was der Prophet Jesaja vor 2500 Jahren an sich erfuhr:
Gott ist gnädig. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Jes 42, 3
Amen.

Pastorin Bettina Kiesbye

Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis, 14. August 2016
über Apg 9, 1-20