Liebe Gemeinde,

um die Bedeutung des Kreuzes soll es heute gehen. Dazu erzähle ich Ihnen von zwei Begebenheiten zu diesem Kruzifix hier im Altarraum: in der vergangenen Woche fragte jemand: stand das Kreuz schon immer da oben auf dem Altar? Ich habe es vor ein paar Tagen das erste Mal bewusst wahrgenommen. – Ja in der Tat, im Gegenlicht der Fenster und ihrer Strukturen ist der gekreuzigte Jesus in der St. Lorenz-Kirche nicht sehr auffällig.
Die andere Begebenheit liegt ein paar Jahre zurück. Ein Kirchenvorsteher, der als Kind in der St. Lorenz-Gemeinde aufgewachsen ist und heute in Süddeutschland wohnt, sagte bei einem Besuch in seiner Heimatkirche: Ich mag das Kruzifix nicht. Warum müssen wir denn die Darstellung eines Toten in unseren Kirchen aufhängen? Das macht doch depressiv.
Der Apostel Paulus schreibt im Predigttext für diesen Sonntag von der Botschaft vom Kreuz. Wir haben den Abschnitt als Epistellesung gehört. Der Hintergrund ist der, dass es in der Kirchengemeinde in Korinth verschiedene Gruppierungen gab, die nach dem Weggang von Paulus entstanden sind. Die Parteien dort stehen im Wettstreit miteinander. Dabei geht es um die Frage, wer unter ihnen von größerer Bedeutung sei. Eine Partei hält sich an Apollos, der ein souveränes Auftreten hat und Menschen schnell begeistern kann. Eine andere Gruppe hält sich an Kephas – also Petrus, der als Jünger Jesus persönlich erlebt hat und von da seine Autorität nimmt. Neben diesen beiden erscheint der Gemeindegründer Paulus blass und schwach. Zumal der Apostel ja auch weiter gezogen war um sich einer neuen Gemeinde zuzuwenden. Aber er bleibt in brieflichem Kontakt mit den Christen in Korinth. Und natürlich geht es mit der Bedeutung um eine Person auch um das, was sie verkündet. Als Antwort auf die Rivalitäten zwischen den Gruppen, die sich an diesen drei Männern orientieren, erinnert Paulus die Gemeinde an die Bedeutung des Kreuzes. Beim Glauben an Gott geht es nicht um eine großartige Bedeutung eines Menschen in der Welt, wie z.B. um seinen akademischen Titel, um seine gute Position im politischen Gemeinwesen, um seinen Einfluss oder um seine Finanzkraft.
Es geht nicht darum, dass in der Kirche Menschen groß gemacht werden. Es geht nicht um unsere Anerkennung, unser Ehre und unsere Wertschätzung. Es geht darum, dass Gott Ehre erhält. Wir nennen uns Christen, weil wir an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus glauben. Deshalb haben wir das Symbol mit dem Gekreuzigten und auch das leere Kreuz in unseren Kirchen und Wohnungen. Gott macht sich klein, schwach und verletzlich. Der allmächtige Gott macht sich in Jesus ganz, ganz klein. Er wird Mensch. Er trägt und er erträgt alles, was Menschen auch erleiden. Er tut das völlig freiwillig und aus Liebe. Das ist die Botschaft vom Kreuz. Das ist Gottes Weisheit.
In der Welt – damals in der Gemeinde in Korinth wie auch heute in der Kirche – wollen die Mitglieder der christlichen Gemeinschaft oft die Werte der Welt: Durchsetzungsvermögen, Macht, Präsentation, Ehre und Anerkennung. Das Kreuz von Jesus Christus steht zu solchem selbstherrlichen Denken und Handeln in absolutem Gegensatz.
Die Weisheit der Welt, die Sätze der Wissenschaft, die Sprachspiele der Experten beschreiben und erklären die Welt. Die Wissenschaft hat im Laufe der Jahrtausende unterschiedliche Weltbilder entwickelt und sie jedes Mal zur gültigen Wahrheit erklärt. Das ging solange, bis es die nächste Entdeckung gab. Ähnlich ist es in manchen Gebieten der Medizin, die uns das Wesen unseres Körpers erklärt. Dann gibt es die Friedensforschung und doch immer mehr Krieg.
Ein anderes Stichwort aus dem Text ist die Forderung nach Zeichen. Wenn Gott mächtig ist, soll er sich doch durch Zeichen beweisen. Wundertäter und Heiler faszinieren die Menschen. Sie gründen Gruppen und Verehrungszirkel. Das Kreuz Christi aber erschreckt und tut weh und das Besondere seiner Gemeinde ist: Eben diesen Gottes-Schrecken lassen wir uns gefallen und verkündigen ihn. Wir erzählen von der Kreuzigung und den Kreuzigungen, von der Gewalt im Alltag der Gesellschaft.
Das Kreuz ist bis heute auch für Menschen anderer Religionen ein Zeichen des Anstoßes geblieben. Der deutsch-iranische Schriftsteller und Träger des Friedenspreises des Dt. Buchhandels 2015 Navid Kermani etwa schreibt:
„Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt. Nicht, dass ich die Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als andere betende Menschen. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Absage. Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die Überhöhung(im Original: Hypostasierung) des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir genießen sollen, auf dass wir den Schöpfer erkennen. Ich kann im Herzen verstehen, warum Judentum und Islam die Kreuzigung ablehnen.“
Die Botschaft vom Kreuz ist nicht ein Geschehen vor mehr als 2000 Jahren. Es ist eine Botschaft, die die Welt verändert. Der empathische Blick auf das Leid des Mitmenschen, die tatkräftige Solidarität mit der Not des Mitmenschen verwandeln diese Welt in eine Gemeinschaft voller Barmherzigkeit. Das ist die Weisheit Gottes, die aller Wichtigtuerei entgegensteht.
Gott ist Mensch geworden und so schwach, wie Menschen es sind. Er ist ein Gott im Himmel und auf der Erde. Und eben deshalb einer, der dabei ist. Der allmächtige Gott ist gleichzeitig mein geschlagener, verletzter Bruder. Keine Minute wird er von meiner Seite weichen.
In der Welt geht es um Macht und Einfluss und auch als Kirche sind wir nie frei davon. Wie wenig Empathie und Solidarität mit den Leidenden in bestimmten Gruppen der Gesellschaft vorhanden sind, wird z.B. an dem Schimpfwort „Opfer“ deutlich, das in den vergangenen 15 Jahren entstanden ist. Ein Begriff, der sich ja aus bestimmten Gruppen junger Männer verbreitet hat. Eigene Stärke und Gewalt, Wehrhaftigkeit und Durchsetzungsfähigkeit werden mehr und mehr zu Werten unserer Gesellschaft. Dagegen ist die Botschaft vom Kreuz ein echter christlicher Gegenwert.
Gott hätte nicht in Jesus Mensch werden müssen. Gott hätte in seiner Allmacht im Himmel bleiben können. Um seine Macht zu zeigen und sie von der zerstörerischen Macht, die wir erleben, abzugrenzen, hat Gott auf seine Allmacht verzichtet und ist Mensch geworden. Das war auch schmerzlich. Und überall wo Menschen diesem Weg der Liebe folgen, wird der Weg nie frei von Schmerz sein.
Manchmal sind wir schwach. Dann können wir wissen, dass Gott uns in dieser Erfahrung ganz nah ist. Manchmal verzichten wir auf Macht und bringen uns selbst in eine schwache Position. Manchmal solidarisieren wir uns mit denen, die zu den Verlierern der Gesellschaft gehören und teilen Brot und Kraft und Fähigkeiten. In Allem ist das Kreuz ein Segenszeichen, das in der Welt das Gottesreich sichtbar macht.

Amen.