Neujahrespredigt


Die Gnade unseres Bruders Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,
wir stehen auf der Schwelle des neuen Jahres und fragen uns vielleicht: was wird dieses Jahr bringen? Was wird es uns persönlich bringen? Was wird es an wichtigen politischen Ereignissen bringen? Wird der Krieg in Syrien zu Ende gehen? Wird es Frieden in Israel und Palästina geben? Müssen wir uns vor neuen Terroranschlägen fürchten? Wird es gute Entscheidungen zum Klimawandel geben oder werden wir in Zukunft immer Weihnachtsfeste ohne Schnee feiern?
Und welche persönlichen Fragen bewegen Sie zu Beginn des neuen Jahres? Eine Reihe unserer zugewanderten Gemeindemitglieder hat im vergangenen Jahr noch eine Anhörung beim Bundesamt gehabt. Wie wird die Entscheidung ausfallen? Einige haben einen Anhörungstermin im Januar. Wir wird die Anhörung laufen? Einer hat im vergangenen Jahr noch eine positive Antwort bekommen. Wird er seine Frau und seine beiden kleinen Kinder in diesem Jahr nach Deutschland holen können?
Einige unserer Gemeindemitglieder arbeiten in Betrieben, in denen rationalisiert wird. Werden sie am Ende des Jahres noch ihren Arbeitsplatz haben?
Was ist mit den Kindern? Werden sie ein gutes Zeugnis bekommen? Werden sie einen guten Schulabschluss machen und einen Ausbildungsplatz bekommen? Und die, die mit der Ausbildung fertig werden: werden sie einen Arbeitsplatz bekommen? Werden etliche unserer Migranten einen Arbeitsplatz oder einen Ausbildungsplatz bekommen?
Wie wird es mit dem Miteinander? Werden die zerrütteten Beziehungen wieder heilen?
Und wie geht es den Kranken? Manchen treibt die Frage um: werde ich wieder gesund oder muss ich mit einer neuen schlimmen Diagnose rechnen?
Manche unter uns gehen mit Sorge in dieses neue Jahr. Manche haben Angst vor großem Schrecken.
Es sind gute Gedanken aus dem Johannesevangelium, die uns da zu Beginn des Jahres mit auf den Weg gegeben werden. Es sind Gedanken gegen die Sorge und gegen die Angst.
21»Lasst euch im Herzen keine Angst machen. Glaubt an Gott und glaubt auch an mich. 2Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Sonst hätte ich euch nicht versprochen: ›Ich gehe dorthin, um einen Platz für euch bereit zu machen.‹ 3Und wenn ich dorthin gegangen bin und einen Platz für euch bereit gemacht habe, werde ich wiederkommen. Dann werde ich euch zu mir holen. Denn dort, wo ich bin, sollt auch ihr sein. 4Ihr kennt ja den Weg zu dem Ort, wo ich hingehe.« 5Thomas sagte zu ihm: »Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst. Wie können wir da den Weg wissen?« 6Jesus antwortete ihm: »Ich selbst bin der Weg. Genauso bin ich die Wahrheit und das Leben. Es gibt keinen anderen Weg, der zum Vater führt, als mich.
Lasst euch keine Angst machen! Das ist angesichts der vielen Unsicherheiten in unserem Leben und in dieser Zeit ein großer Satz. Lasst euch keine Angst machen. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Der Glaube ist eine Hilfe gegen die Angst. Auch wenn Gott nicht jeden Wunsch erfüllt, ist er doch da und begleitet und tröstet uns.
Die Worte des heutigen Predigttextes gehören zu den Abschiedsreden von Jesus an seine Jünger. Jesus wird gehen, aber die Verbindung zwischen ihm und seinen Freunden bleibt bestehen. Er wird bald nicht mehr bei ihnen sein, aber sie dürfen zuversichtlich in die Zukunft schauen. Er bereitet im Himmel einen guten Ort für die Seinen vor.

Liebe Gemeinde, bei allen angstmachenden Nachrichten der letzten Monate gibt es auch mutmachende Erfahrungen unter uns: da sind Väter vor Verfolgung geflohen. Sie haben sich in der Heimat von ihrer Frau und ihren Kinder tröstend verabschiedet. „Ich gehe jetzt schon mal vor. Wenn ich gut angekommen bin, hole ich euch nach.“ Das hat lange gedauert und das Nachholen war auch nicht so einfach. Aber jetzt sind sie hier: die Frau und das Kind. Jetzt sind sie alle in Sicherheit und geborgen. Und ich bin zuversichtlich, dass im Laufe der nächsten Monate die nächste Familie im Verfahren des Familiennachzugs bei uns ankommen wird. Vielleicht werden sie dann noch keine Wohnung haben, aber sie werden nach Jahren der räumlichen Trennung in Sicherheit zusammen wohnen. Gott sei Dank.
Vielleicht werden Abschiede im kommenden Jahr vor uns liegen. Von manchen Dingen werden wir Abschied nehmen. Von manchen Plänen werden wir Abschied nehmen. Von manchen Orten werden wir Abschied nehmen. Von manchen Menschen werden wir Abschied nehmen.
Abschied schüttelt, verunsichert, irritiert. Das ging den Jüngern damals mit dem Abschied von Jesus nicht anders als uns heute. Wie geht es jetzt weiter? Wie finden Menschen wieder Vertrauen und Zuversicht? Wie finden sie den Weg in die Geborgenheit? Wie finden sie den Weg zurück ins Vaterhaus?
So fragt es im Johannesevangelium auch der Jünger Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst. Wie können wir dann den Weg wissen? Jesus sagt von sich: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Dieser Satz ist ein Wegweiser zur himmlischen Wohnung. So wie die Migranten mit ihren Familien über weite Entfernung telefonieren. Wie sie einander von Angst und Hoffnung erzählen und einander Mut zusprechen, so bleiben wir im Gebet im Kontakt zu Gott und Jesus. Diese Verbindung bricht von seiner Seite nie ab. Täglich ermutigt er uns zum Leben und zur Hoffnung. Mit ihm finden wir in aller Verunsicherung zurück zur inneren Mitte, zur Ruhe. Mit ihm können wir getrost nach vorne schauen. Mit ihm haben wir Hoffnung auf den Frieden in dieser Welt. Mit ihm haben wir Hoffnung für diese Erde und das Klima. Mit ihm haben wir Hoffnung in allen Unsicherheiten und Ängsten, die uns ganz persönlich bewegen. Er gibt uns keinen Plan, aber er selbst ist das zuverlässige Navigationssystem für unser Leben. Nicht wir geben unser Ziel in das Navi ein, sondern Jesus selbst ist das Navigationssystem. Er ist der Weg. Darum gehen wir zuversichtlich in dieses neue Jahr. Jesus ist vorausgegangen und er ist auch hier und geht unsere Wege mit. Das macht Mut.
Amen

Pastorin Margrit Kehring-Ibold