Laienkanzel im Lutherjahr/ Peter Delius 05.03.17

Familien zwischen den Werte- Burgen der Kirchen

Liebe Gemeinde,
mein Name ist Peter Delius und ich habe kürzlich entdeckt, dass ich einen direkten Draht zur Reformationszeit habe.
Meine Verbindung zur Reformation hat mit meiner Familiengeschichte zu tun.
Sie sind übrigens auch mit der Reformationszeit verbunden- haben Sie darüber schon einmal nachgedacht, wie Ihre Vorfahren vor 500 Jahren lebten? Ob sie reich waren oder Bauern und froh, wenn keine Missernte war und keiner der Söhne für das Heer des Fürsten zwangsverpflichtet wurde?
Ich weiß, dass einige von Ihnen aus dem Iran stammen: Damals (1507) gab es auch dort einen tiefen religiösen Schnitt: Mit dem Sieg über die Turkmenen wurde der schiitische Glaube eingeführt.

Wie mag es woanders in der Welt zugegangen sein vor 500 Jahren, in Ghana z.B. oder im Irak?
Eines ist für alle Weltgegenden gleich: Es war eine Zeit voller Angst und Furcht.
Und Gott war den Menschen viel näher als wir uns das heute vorstellen können. Es war eine Zeit, in der viele Menschen unter Mangelernährung litten, aber auch unter dauernden Schmerzen, z.B. Zahnschmerzen (es gab ja keine Medizin!) und vor allem voller Angst waren, weil nichts vorhersehbar war in ihrem Leben.
In einer Umwelt, wo hinter jeder Ecke der Tod lauern konnte, glaubten die Menschen aus tiefster Seele, buchstäblich: Gott war ein Teil der Seele, keiner konnte sich hinstellen und sich fragen: Glaube ich eigentlich an Gott oder nicht? Gott war Halt und Schutz, Hoffnung und oft der einzige Fixpunkt im unsicheren Leben diesseits des Todes.
Es gab in diesen Zeiten eine hohe Kindersterblichkeit und überhaupt eine hohe
Sterblichkeit, dass heißt Menschen konnten sich nicht so intensiv binden aneinander,
weil sie wussten, dass die Gemeinsamkeit rasch wieder vorbei sein könnte. In einer
solchen Welt ist der Glaube an Gott ein durch nichts zu ersetzenden Halt.
Wenn aber der christliche Glaube in erster Linie Halt ist in einer brüchigen Existenz,
dann ist die Versuchung groß für die Kirche, diesen Glauben zu einer Festung
auszubauen: Der Halt war sehr eng verbunden mit einer ideologischen Erstarrung,
mit Ausgrenzung und Einmauerung. Gott war in dieser Zeit fest in den Händen der
katholischen Kirche. Die Kirche hielt die Gläubigen mit immer brutaleren Mitteln
zusammen, ich nenne hier nur die Inquisition gegen Menschen, die zwar glaubten an
Gott, aber das Machtmonopol der Kirche in Frage stellten .
Für viele der kleinen Bauern und Handwerker war die Kirche Teil der Obrigkeit. Es gab
reiche Klöster, die im Namen Gottes die Kleinbauern enteigneten, und es gab den
Ablasshandel. Das Paradies verlor in dieser Zeit seine Strahlkraft, Fegefeuer und die
Hölle konnten auch nicht mehr viel schlimmer sein als das Leben.
Dann kam Luther und stellte dies alles in Frage. Er predigte in einer Zeit, in der vieles
in Bewegung geraten war. Denn schon seit einiger Zeit wehte der Wind der
Neuerungen. Veränderungen kündigten sich an in dieser frühen Neuzeit, ausgelöst
durch die Verheißungen der Entdeckungsfahrten nach Afrika und Amerika,
Erfindungen wie dem Buchdruck im 15. Jahrhundert und die Bibelübersetzung in die
Sprache des kleinen Mannes durch Luther, mit dem erstmals so etwas wie Bildung
zumindest als Gedanke oder Wunsch auftauchte in der breiten Masse der
analphabetischen Bevölkerung.
In den Städten gärte es. Neben dem Regionalfürsten, also dem Landesherrn und dem
etablierten Rat der Städte tauchte ein drittes Element auf: das Bürgertum. Zu diesem
Bürgertum gehörten sehr wahrscheinlich meine Vorfahren, Es gibt in meiner Familie
engagierte Ahnenforscher. Sie konnten nachweisen, dass etwa 1550- also rund 35
Jahre nach dem Anschlag der Thesen an die Tür der Wittenburger Schlosskirche- ein
Pastor namens Johann- Daniel Delius in dem Dorf Kleinenbremen (südlich von
Hannover im Wiehengebirge) eine reformierte Gemeinde übernahm. Johann- Daniel
Delius war dort der erste reformierte Pastor und wahrscheinlich 1604 zum
evangelischen Glauben übergetreten. Mit seiner in den Wirren des 30. Jährigen
Krieges verstorbenen Frau hatte er 14 Kinder und viele Kindeskinder, darunter mich.
Und es gab noch zwei andere in den Chroniken erwähnte Menschen mit Namen
Delius im 16. Jahrhundert: Den Rektor des kirchlichen Johanneums in Hamburg, den
aus Wittenberg stammenden Matthäus Delius, ein Freund Melanchthons, und ein
Pastor Johannes Delius in Oschersleben im Kurfürstentum Sachsen, dessen
Nachkommen ebenfalls zahlreich waren und dies bis heute.
Und jetzt kommt´s: 2015 wurden mehrere Delius aus Westfalen und mehrere aus
Sachsen zum DNA Test gebeten und siehe da: Sie sind nicht nur verwandt sondern
stammen gemeinsam von einem noch 100 Jahre älteren Vorfahren ab, einem
unbekannten Menschen vor der Reformation, der seinen Namen latinisieren ließ. Das
machte man damals, vor der Reformation, so.
Der latinisierte Name Delius spricht dafür, dass alle 3 in dieser Zeit existierenden
Delius-Namensträger dem sich emanzipierenden Bürgertum zugehörten, denn man
latinisierte damals seinen Namen, um ihn auch außerhalb des eigenen
Mundartbereiches verwenden zu können.
Ich habe mich in den letzten Monaten oft gefragt, wie es wohl für meine Vorfahren
gewesen sein mag, wegen ihres Glaubens zu migrieren, Heimat, Familie und
Angehörige hinter sich zu lassen, um wo anders in einer unbekannten Welt ihr Glück
zu versuchen und ihren neuen Glauben zu leben.
So wie meine Familie sind sicher viele Familien vor 500 Jahren ziemlich
durcheinander gewirbelt worden. Heute muss keiner mehr in Deutschland wegen
seines Glaubens auswandern, seine Familie verlassen, woanders hingehen. Der
innere Druck, die innere Not, die Ausweglosigkeit und die Festigkeit, mit der
Menschen vor 500 Jahren ihrem Glauben folgten, sind heute kaum noch vorstellbar.
Heute ist der Glaube an Gott nicht mehr der einzige Halt, der sich dem einzelnen
anbietet. Gott ist für viele Menschen längst zu einem Angebot unter vielen
geworden, Glauben ist eine Wahlmöglichkeit und wird immer schwieriger in einer
Welt des Zweifelns. Aber das ist ein anderes Thema.
2. Zurück zu meiner Familiengeschichte: Mein Vater ist protestantisch, meine Mutter
ist katholisch, ich wurde katholisch getauft und protestantisch konfirmiert. Ich
stamme aus einem fast 400 Jahren völlig getrenntem Genpol, Verbindungen
zwischen katholisch und evangelisch gab es zwischen protestantischen Ostwestfalen
und dem katholischen Münsterland, nur wenige Kilometer voneinander entfernt, nur
sehr selten. Der Glaube wurde ganz wesentlich durch die Abgrenzung vom falschen
Glauben gefestigt.
Und so schrieb meine katholische Großmutter mütterlicherseits am 06.01.1952
(katholisch) an meinen evangelischen Großvater väterlicherseits:
Sehr geehrter Herr Delius,
meinem verstorbenen Mann und mir selbst gegenüber habe ich die Verantwortung
übernommen, meine Kinder im katholischen Glauben zu erziehen und zu führen, auf
dass sie sich auch im späteren Leben nach diesen Grundsätzen richten. Ich kann es
deshalb nicht zulassen, dass meine Tochter in einer andersgläubigen Kirche getraut
wird und bei Nachkommen eine andersgläubige Erziehung erfolgt. Diese Verbindung
darf es nicht geben. Sollte meine Tochter nach eigenem Willen handeln und sich von
ihrer religiösen Bindung trennen, so bedeutete das gleichzeitig eine Trennung von
mir und meinem Familienkreis.

Mit freundlichen Grüßen
Mein evangelischer Großvater sah das ähnlich- von seiner Seite aus.
Das war 1952. Und nicht 1552.
Meine Eltern haben sich trotzdem gefunden, sonst stände ich ja nicht hier und würde
ihnen davon erzählen, und nach einigem Hin und Her haben sich beide Familien auch
vertragen.
Hin und her? Ja, genau. Familienereignisse, also Hochzeiten oder Beerdigungen z.B.,
sind ja Ereignisse, wo die Familien über alle Glaubensabgrenzung hinweg miteinander
ins Gespräch kamen und hier entstanden dann eben doch Verbindungen, wenn auch
nicht gern gesehen von den Amtskirchen. Was ich in meinem
Konfirmationsunterricht über die katholische Kirch zu hören bekam, möchten Sie
vielleicht gar nicht hören. Aber mein Vater – der Protestant- machte sich für den
katholischen Glauben seiner Frau stark und – Originalton- „nahm sich den Dorf-
Pastor zur Brust“. Ich wäre, muss ich zugeben, gerne dabei gewesen.
1980 war ich in der Studentenzeit aus der Kirche ausgetreten und einige Jahre später
erzählte meine Mutter mir von ihren Höllenqualen, unter denen sie damals gelitten
hatte- und damit waren Höllenqualen gemeint. Sie war damals ehrenamtlich im
Krankenhaus-Besuchsdienst tätig gewesen, sie wusste, wie schmerzhaft
Brandwunden waren, und stellte sich diese Schmerzen vor, die ihr im Fegefeuer
beziehungsweise endgültig in der Hölle drohten, wenn sie ihr Kind nicht in ihrem
eigenen religiösen Glauben erziehe.
Meine Mutter ist eine aufgeklärte Frau, sie konnte sich aber von dieser fürchterlichen
Furcht nicht freimachen, die tief in ihrem Unterbewusstsein ankerte und Ausdruck
einer solchen festen Werte- Burg war. Es ist die ins Innere der Menschen verlagerte
Abwehrmauer der Kirche gegen Fremdes, gegen vermeintlich falschen Glauben.
Inzwischen wird das alles gelassener gesehen, mit der Kirchenzugehörigkeit, mit der
Ökumene, Kirchen wachsen zusammen, kooperieren, finden Gemeinsamkeiten. Aber
ich werde den Verdacht nicht los, dass dies auch einhergeht mit der sinkenden
Wirkungsmacht von Kirche, der sinkenden Fähigkeit von Menschen sich über einen
Glauben zu definieren, fest zu glauben.
3. Ich will Ihnen ein drittes Beispiel erzählen. Es stammt aus meiner Praxis als
Psychiater. Vor einigen Monaten wandte sich ein junges Mädchen an mich, nennen
wir sie Maria, die ganz verzweifelt war und unter Angstzuständen litt.
Sie erzählte davon, dass sie seit einiger Zeit einen neuen Freund habe, Halep, einen
syrischen Flüchtling aus der Parallelklasse. Ihre Augen leuchteten, als sie von Halep
erzählte, sie war über beiden Ohren verliebt. Später lernte ich Halep kennen und
konnte dies voll und ganz verstehen. Maria stammte aus einfachen Verhältnissen. Sie
erzählte von den Sorgen ihrer Mutter, die sie durch die dünnen Wände der Wohnung
hörte. Ihre Mutter habe sich höchstbesorgt mit ihrem Großvater ausgetauscht, sie
habe immer wieder nur den Begriff Islam verstanden.
In der Familie ihres Freundes sei sie sehr herzlich aufgenommen worden, die Mutter
von Halep habe sie sofort in ihre Arme geschlossen und in die Familie aufgenommen.
Nur der Vater habe sehr ernst geguckt. Halep habe ihr gesagt, dass ihm Religion sehr
wichtig sei, aber sie müsse nicht Islama werden.
Sie ahnen worauf ich hinaus will.
Sie ahnen auch, was den Vater von Halep, der alles in Syrien verloren hat und nur
seinen festen Wertekodex hatte mitnehmen können in dieses fremde Land
Deutschland, bewegt. Welche Verwicklungen er voraussieht und welche Angst er hat
als Familienoberhaupt, dass jetzt alle Werte, alles was ihm heilig ist,
durcheinandergerät.
Ein festes Wertesystem: Es ist in der Fremde wie eine wärmende Heizung im Winter.
Nicht nur in der Fremde. Auch in der schrecklichen Umgebung eines KZ war ein fester
Glaube, welcher auch immer, mit einer besseren Überlebenschance verbunden, wie
viele Studien nachweisen konnten.
Sie ahnen auch, dass die offenen Arme der Mutter nicht unbedingt den
Familienwillen wiedergeben in einer patriarchalisch geprägten islamischen Familie
und welche großen Schwierigkeiten auf Halep und Maria zukommen, die noch gar
nichts davon wissen, zwischen welchen Werte- Burgen sie ihr kleines Liebesnest
eingerichtet haben.
Klar ist, einfach wird es nicht.
Und doch, meine liebe Gemeinde, ist die Liebe unter allen Brücken zwischen den
Religionen diejenige mit dem größten Potenzial. Eltern lieben ihre Kinder noch mehr
als ihre Kirche, das ist wohl überall auf der Welt so- jedenfalls meistens. Und deshalb
ist das Potential und nicht selten auch die Bereitschaft sich einzufühlen in eine
fremde Glaubenswelt in den Familien der Liebenden groß.
Und: Liebe hält sich- im guten Sinne- oft nicht an Regeln, weder kirchlichen noch
sonstigen: Liebe durchdringt Dornenhecken, sie setzt sich über Gräben hinweg- auch
über familiäre- und versetzt Berge.
Der Liebe ist nichts heilig.
Verbindungen wie die von Maria und Halep, von meinen Eltern und von vielen
anderen sind die Chance, die Welt des anderen Glaubens wirklich zu verstehen, die
Gemeinsamkeiten ethischer Normen zu entdecken und das Fremde nicht mehr als
bedrohlich zu empfinden sondern zu als wichtige Ergänzung zu respektieren.
Beziehungen wie die von Halep und Maria wird es in Deutschland in den nächsten
Jahren viele geben und das ist gut so. Bildung und Mehrsprachigkeit, aber auch die
Abwesenheit von Angst und Schmerz, von Krieg und Hunger ermöglichen uns doch
ein sehr viel größeres Maß an Toleranz und Abgewogenheit als dies im 15.
Jahrhundert möglich war. Vielleicht auch als 1952..
Liebe Gemeinde, ich glaube, wir sollten die Werte- Burgen der Kirche hinter uns
lassen. Was wir brauchen sind die Werte des Glaubens , nicht aber die Festungen der
Religionen!

Dr. Peter Delius

Literatur:
Heinz Schilling – Die politische Elite Nord-Westdeutscher Städte in den Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts in:
Stadtbürgertum und Adel in der Reformation. Herausgegeben von Wolfgang J. Mommsen (1979)
Deutsches Geschlechterbuch/ westfälisches Geschlechterbuch Band 193 (1987)