Predigt über Röm 8, 18-25

Gnade sei mit Euch und Friede
Von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
Amen.

Liebe Gemeinde, ein ungewöhnlicher Bibeltext spricht heute zu uns. Als Epistel-Lesung haben wir diesen Abschnitt aus dem Römerbrief des Apostels Paulus bereits gehört.
Das Leiden in seiner Zeit spricht er an.
Die Vergänglichkeit des Lebens spricht er an.
Und die Sehnsucht danach, dass eines Tages alles Leid überwunden sein wird und wir „die herrliche Freiheit der Kinder Gottes“ erleben werden.
Diese Worte hat Paulus nicht im waremn Kämmerlein geschireben, sondern mitten in Anfeindung und Elend.
Eindrücklich beschreibt er,
dass nicht nur die Menschen auf ihrer Suche nach Frieden und Erlösung sind,
sondern dass die Tiere und Pflanzen, alles was Gott erschaffen hat, mit uns vereint sind im Sehnen nach Frieden und Heil.
Das Seufzen der Kreatur…
Eindrucksvoll verstärkt es den Seufzer, den wir tief in uns verspüren:

Wie sehr sehnen wir uns nach Heilung unserer inneren Wunden. Nach Trost nach dem Tod eines lieben Menschen. Nach neuem Leben nach einem schweren Verlust…
Wie sehr sehnen wir uns nach Frieden in den Spannungsregionen unserer Welt.
Nach Bewahrung der Kinder im besetzten Aleppo.
Nach einem Ende der Gewalt und Rechtlosigkeit in Zentralafrika.
Nach Schutz für die Menschen, die ihr Zuhause verloren haben…
Wie sehr sehnen wir uns nach Menschlichkeit in unserem Land.
Nach einer Überwindung der Terrorgefahr.
Nach einem Ende von Hass und von Neid.
Wie sehr sehnen wir uns nach Frieden in den Machtzentren unserer Welt, insbesondere in dieser Zeit, in der die simpelsten Parolen auf höchster Ebene verbreitet werden…
Beliebig könnte ich diese Aufzählung fortsetzen. Und ich bin sicher, dass Sie ebenso mit einstimmen und die Liste verlängern könnten. Eine Einladung zur Novemberdepression könnte man meinen?
Eine Einladung, sich in seinem Leid einzurichten und die Herrschaft der Verzweiflung über sich anzuerkennen?
Im Gegenteil!
Denn je bedrängender und persönlicher ein Mensch seine Sehnsucht benennt, umso klarer kann er auch die Botschaft unseres Bibelabschnittes in sich aufnehmen: Sie lautet: „In aller Finsternis und Bedrängnis nimmt Gott sich unserer an.
Gott ist treu.
Gott wird unsere Welt zum Frieden führen.

„HOFFNUNG“ – das ist der Dreh- und Angelpunkt unserer Perikope.
„Hoffnung (haTikwa)“ist der Name der Nationalhymne des Staates Israel. Seit der Gründerzeit, als die Menschen in Wüste und Malariasümpfen ihr Land aufbauten, gibt dieses Wort seinen Bewohnern Zuversicht in oft verzweifelter Lage.

Im Deutschen haben wir ein Sprichwort: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Es ist ein Gedanke des Widerstands gegen alle lebensfeindlichen Kräfte. Es ist eine Absage gegen die Verzweiflung. Denn letztlich geht es um diese Alternative: Wollen wir verzweifeln angesichts der scheinbar ausweglosen Situation? Wollen wir uns in die Abwärtsspirale aus Mutlosigkeit, Kraftlosigkeit und Lethargie hineinbegeben, oder wollen wir uns ihr entgegenstemmen?

Die Bibel bezieht eine ganz klare Position für die Hoffnung. Was aber ist der Grund, warum wir hoffen dürfen? Was gibt uns festen Boden unter den Füßen?
Der Apostel Paulus verweist auf unsere Taufe und sagt seiner Gemeinde in Vers 15:
„Ihr habt ja nicht eine Geistkraft erhalten, die euch zu Sklaven und Sklavinnen macht, so dass ihr weiterhin in Angst leben müsstet.
Ihr hat eine Geistkraft empfangen, die euch zu Töchtern und Söhnen Gottes macht. Durch sie können wir zu Gott schreien: „Abba, lieber Vater!““ Röm 8, 15

Innere Freiheit und innere Kraft haben wir im Geschenk der Taufe erfahren. Sie sind Hoffnungskeime, die Gott uns eingepflanzt hat.
Die Gärtner wissen es: der November, dieser graue, unwirtliche Monat, ist derjenige, der entscheidet über die Farbenpracht im kommenden Frühjahr und Sommer. Denn jetzt ist die Zeit, Bäume zu pflanzen, Büsche zu setzen und Blumenzwiebeln in die Erde zu legen.
Bis die Blätter zum Vorschein kommen werden und die Blüten sich entfalten werden, dauert es noch eine lange Zeit. Eine Pflanze hat Geduld. Geduld, die uns sehr oft fehlt.
Aber mögen wir uns immer wieder erinnern an den Hoffnungskeim, den Gott uns in unserer Taufe in unser Herz gepflanzt hat: Die Gewissheit: „Du bist mein geliebtes Kind. Nie werde ich Dich verloren geben.“
Sie möge uns helfen,
auch in der uns umgebenden schweren Situation nicht zu resignieren.
Sie erhalte uns die Liebe, zu der Gott uns alle berufen hat.
Sie gebe uns die Zuversicht, um in unserer Zeit im Sinne Gottes zu wirken.
Sie befähige uns zu Einfühlung und Fürbitte.
Sie öffne unser Leben immer wieder hin zu Zukunft und Frieden.
Amen.

Pastorin B. Kiesbye